Standpunkt

Ein Nachmittag an dem niemand(!) geschwommen ist.

7 Min Lesezeit
2026
Von Roman Rackwitz, Behavioral Architect
Ursprünglich erschienen auf LinkedIn. Kanonische Version auf romanrackwitz.de.

Die letzten paar Tage diskutierte Deutschland (auch) lautstark (jedenfalls in meinem Stream) über das Schwimmbecken der Berliner Volksbühne. Also auch über ein Ereignis, das nie stattgefunden hat, denn die sechs Stunden, um die es ging, wurden abgesagt, bevor sie beginnen konnten. Das Portal Nius machte (meines Wissens nach) es als erstes zum Thema und veröffentlichte zwei Artikel um ein Uhr und um zwei Uhr nachts.

Olaf Keser-Wagner (Evokator) sprach dabei in seinem Post zum Thema etwas Interessantes an: „Was wäre passiert, wenn diese sechs Stunden einfach stattgefunden hätten und die Story darüber erst danach erzählt worden wäre?“ und weiter führt er aus: „Denn eine Story erzählt nicht einfach nur, was passiert. Sobald wir sie veröffentlichen, wird sie selbst Teil dessen, was passiert.“

Das ist spannend und ich möchte daran ansetzen, ganz im Sinne der bisherigen Analyse, die ich bereits hier auf LinkedIn zur Höcke-Debatte beim Podcast „Ben, ungeskriptet“ geschrieben habe, oder auch zu Bundestagsentscheidungen oder der Aufmerksamkeitsdebatte rund um Hitzetote vs. Terrorismusopfer, wie Mirko Lange es letzte Woche angestossen hatte.

Man kann diesen Fall über das Schwimmbecken der Berliner Volksbühne als Rassismusdebatte lesen oder als Debatte über Identitätspolitik, und beide Lesarten sind bereits Teil des Problems. Es ist auch ein Laborfall dafür, wie Kategorien funktionieren, wenn jeder senden kann.


Denn das zugrunde liegende Thema ist fast schon eine Banalität: Ein Schwimmbecken, das zeitweise nur einer bestimmten Gruppe offensteht, gehört zu den wohl langweiligsten Einrichtungen des deutschen Alltags: Vereinsbahnen, Schulschwimmen, Frauenschwimmzeiten, und am letzten Tag der Saison lassen viele Freibäder sogar Hunde ins Becken, während Menschen draußen bleiben, ohne dass darüber jemals ein Artikel geschrieben worden wäre. Auch am Rosa-Luxemburg-Platz war die Exklusivität Routine. Derselbe Verwaltungsakt, eine Beckenreservierung, lag also mehrfach vor, und nur einer davon wurde zum nationalen Ereignis. Der Unterschied lag also nicht im Akt, sondern in der Kategorie, in die er einsortiert wurde.

Der Kommunikationsforscher Robert Entman hat Framing 1993 nüchtern als Auswahl und Hervorhebung definiert: Aus einer Wirklichkeit werden einzelne Aspekte ausgewählt und so betont, dass eine bestimmte Problemdefinition nahegelegt wird. Genau das lässt sich hier perfekt beobachten, denn dieses Event hat zwei vollständig wahre Beschreibungen:

Man kann sagen, ein Verein lädt Schwarze Kinder zu einem Feriennachmittag ein, dann ist es eine Einladungsgeschichte, und die relevante Gruppe sind ein paar hundert Kinder, die etwas bekommen.

Man kann aber auch sagen, Weiße dürfen an diesem Tag nicht hinein, dann ist es eine Ausschlussgeschichte, und die relevante Gruppe sind achtzig Millionen Menschen, denen etwas genommen wird.

Kahneman und Tversky haben gezeigt, dass Verluste psychologisch ungefähr doppelt so schwer wiegen wie gleich große Gewinne, und die Ausschluss-Lesart ist nichts anderes als die systematische Übersetzung eines kleinen Gewinns für wenige in einen gefühlten Verlust für alle. Dass praktisch niemand von diesen Millionen je vorhatte, an einem Freitagmittag in das Schwimmbecken vor einem Theater in Berlin-Mitte zu steigen, ändert daran nichts.

Im Gegenteil: Jack Brehm hat das 1966 als Reaktanz beschrieben, die Beobachtung, dass eine Freiheit exakt in dem Moment wertvoll wird, in dem man sie uns nimmt, völlig unabhängig davon, ob wir sie je nutzen wollten. Die Freiheit, in dieses Becken zu steigen, hatte bis Dienstag für kaum jemanden einen Wert, ihr Entzug aber machte sie unbezahlbar. Ein AfD-Politiker aus Brandenburg hat diese Mechanik dann wörtlich in Choreografie übersetzt, als er aufrief: „Alle Weißen morgen ab 12.00 Uhr ins Volksbad!“

Und dann geschah das, was in solchen Fällen immer geschieht und was die Beteiligten immer wieder (komischerweise) überrascht: Die Verteidigung bestätigte den Rahmen.

Die Volksbühne änderte ihre Ankündigung und sprach fortan von einer Reservierung für den Verein, der Intendant verwies darauf, dass die Veranstaltung den Regeln des Berliner Antidiskriminierungsgesetzes entspreche und von der Ombudsstelle des Senats begrüßt werde. Alles korrekt, alles vernünftig, und doch alles wirkungslos. Es ist wirklich schade, dass die Reaktionen immer wieder in die selbe Falle laufen. George Lakoff hat schon vor zwanzig Jahren beschrieben, warum: Wer einen Frame verneint, aktiviert ihn! Jeder Satz, der erklärt, warum das kein Ausschluss von Weißen ist, enthält den Ausschluss von Weißen, und das Gehirn speichert die Kategorie, nicht die Verneinung.

Wer einen Frame verneint, aktiviert ihn. Jeder Satz, der erklärt, warum das kein Ausschluss ist, enthält den Ausschluss, und das Gehirn speichert die Kategorie, nicht die Verneinung.

Selbst die solidarische Berichterstattung konnte dem nicht entkommen, denn auch wer über den „Streit um das Schwimmen für Schwarze“ berichtet, transportiert die nächtliche Kategorie weiter, nur eben mit umgekehrtem Vorzeichen, und auch die Gegenerzählung von der rechten Kampagne ist ihrerseits ein Frame mit eigener Auswahl und eigener Hervorhebung. Am Ende wurde sogar die Absage selbst noch einmal doppelt gerahmt: Für die eine Seite bewiesen die rassistischen Droh-E-Mails und Gewaltandrohungen, warum ein geschützter Raum überhaupt nötig ist, während ein österreichisches Portal titelte, die Veranstaltung sei wegen „Rassismus gegen Weiße“ abgesagt worden, womit dasselbe Faktum in zwei Weltbildern als Beleg für das jeweils eigene diente. Olaf Keser-Wagner hat vollkommen recht mit seinem Paradox, dass die Reaktionen öffentlich sichtbar machen, wofür der Raum gedacht war. Nur muss man ehrlicherweise hinzufügen: sichtbar nur für die, deren Vorannahmen diese Sichtbarkeit zulassen. Belege, die im Empörungsmodus eintreffen, konvertieren niemanden, sie werden von jedem Lager als Munition einsortiert.


Womit wir bei der eigentlich spannenden Frage wären, die oben steht: nach dem Zeitpunkt.

Was wäre passiert, wenn das Event einfach stattgefunden hätte und die Geschichte erst danach erzählt worden wäre? Verhaltensökonomisch betrachtet hätte sich fast alles geändert, denn eine Ankündigung ist nicht einfach frühe Information, sie ist ein Koordinationspunkt. Sie verwandelt eine Absicht in ein Ziel mit Adresse und Deadline: Freitag, zwölf Uhr, Rosa-Luxemburg-Platz, und Empörung, die mobilisieren will, braucht genau das, einen Ort, an dem man mit der Kamera stehen kann.

Das wurde hier auch bewiesen, durch den Demostreamer, der sich schon am Mittwoch vor der Volksbühne einfand, und einen Countdown, gegen den man aufbegehren kann.

Ein vergangenes Ereignis aber bietet nichts davon, denn es gibt nichts mehr zu verhindern, nirgendwo hinzufahren, und statt einer angreifbaren Abstraktion, ein paar Zeilen Text, gäbe es Bilder von konkreten Kindern in konkretem Wasser, also genau die Art von identifiziertem, erlebtem Material, gegen das sich Bedrohungsrhetorik erheblich schwerer aufbauen lässt als gegen ein Konzept. Eine Ankündigung ist hier wie eine Wettervorhersage, die das Wetter selbst ändern kann.

Nur wäre es natürlich zu billig, daraus die Empfehlung abzuleiten, künftig eben alles erst hinterher zu erzählen, denn das Problem sitzt tiefer, und hier kommt Olafs zweite Beobachtung ins Spiel, nämlich die vom Sender. Ein geschützter Raum für eine Community muss dieser Community angekündigt werden, sonst kommt ja niemand, und heutzutage existiert (leider) kein Kanal mehr, der nur sie erreicht. In der Gatekeeper-Ära wäre diese Einladung in einem Vereinsnewsletter und vielleicht einer Stadtteilzeitung gelandet, die Reichweite der Botschaft und die Reichweite ihres Publikums waren somit ungefähr deckungsgleich.

Heute ist jede lokale Ankündigung global adressierbar, auch um ein Uhr nachts, von jedem, und sie wird zwangsläufig von zwei Parteien gleichzeitig gelesen, von der Partei, für die sie geschrieben wurde, und von derjenigen, gegen die sie sich verwenden lässt. Schon das Wort Safe Space illustriert das: Innerhalb der Community ist es ein Versprechen von Schutz, außerhalb funktioniert es als Signalwort für Ausschluss. Wer so etwas in einen offenen Kanal schreibt, liefert der Gegenseite ihr Framing frei Haus, ohne dass die auch nur einen eigenen Begriff erfinden müsste. Das ist kein moralisches Versagen der Veranstalter, sondern es ist ein Kanalfehler in einer Medienumgebung, in der es den gezielten Kanal nicht mehr gibt und in der von zwei möglichen Lesarten immer die feindselige die billigere ist, weil sie schneller produziert, leichter geteilt und dank Verlustrahmung stärker gefühlt wird.

Wer heute etwas ankündigt, schreibt nicht mehr die erste Version seiner Geschichte. Stattdessen verteilt er Rohmaterial an alle, die schneller sind.

Story-Kompetenz, wie Olaf sie nennt, heißt dann tatsächlich etwas anderes als gut erzählen können: Sie heißt, den Zeitpunkt, den Kanal und das Vokabular einer Geschichte als Designentscheidungen zu behandeln, die über das Ereignis mitentscheiden, das sie angeblich nur beschreiben, so wie ein Architekt weiß, dass der Grundriss bestimmt, wer sich im Haus begegnen wird. Wenn die Verantwortlichen diese Kompetenz nur gehabt hätten. So schwer es auch ist. Aber das ist die heutige Realität.

Übrigens: Am Samstag um zwölf hat das Becken wieder geöffnet, für alle, aber von diesem Sommer am Rosa-Luxemburg-Platz wird am längsten ein Nachmittag in Erinnerung bleiben, an dem niemand geschwommen ist!

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