Irgendwann kurz vor Beginn der zweiten Stunde des Gesprächs zwischen Ben und Melanie Amann kommt es zu einem spannenden Punkt: Amann erklärt, dass der Spiegel zu den Bauernprotesten von 2024 zehn differenzierte Artikel publiziert hatte. Ihr Schulfreund, ein Bauer aus dem Rheinland, hat davon nichts mitbekommen. Was er mitbekommen hat, war ein einzelner Kommentar, der die Demonstranten als "Mistgabelmob" bezeichnete, und dieser eine Satz hat seine Beziehung zum Spiegel beendet.
Amanns Reaktion ist die naheliegendste: Wenn jemand so viel gute Arbeit nicht wahrnimmt, muss man dafür sorgen, dass er sie besser erreicht. Es ist die Forschung, die aber zeigt, dass das eigentliche Problem nicht ist, dass ihr Schulfreund zu wenig Spiegel liest.
Das Gehirn liest nicht zuerst den Inhalt und urteilt dann über die Quelle. Es tut das Gegenteil. Die Quelle kommt zuerst, und sie entscheidet, welcher Verarbeitungsmodus für den Inhalt einsetzt.
Der Kognitionswissenschaftler David McRaney hat in "How Minds Change" intensiv untersucht, wie und warum Menschen ihre tief sitzenden Überzeugungen ändern. Sein Argument läuft ungefähr so: Unser Gehirn bekommt ständig mehrdeutige Informationen und muss sie blitzschnell auflösen. Das geschieht automatisch und unbewusst, auf Basis all dessen, was wir bisher erlebt haben. Was wir dann bewusst wahrnehmen, ist nur das Ergebnis dieses Auflösungsprozesses, nicht der Prozess selbst. Und weil wir den Prozess nicht sehen, fühlt sich das Ergebnis nicht wie eine unter mehreren möglichen Interpretationen an. Es fühlt sich wie die Realität an.
Das erklärt, warum zwei Menschen mit Zugang zu denselben Fakten zu vollständig unvereinbaren Schlussfolgerungen kommen können, ohne dass einer von ihnen lügt oder irrt. Ihre Gehirne haben die Fakten durch unterschiedliche Vorannahmen laufen lassen und dabei unterschiedliche Wirklichkeiten erzeugt.
Ben ist für einen sehr großen Teil seines Publikums in der eigenen Gruppe. Nicht weil er besonders klug oder besonders recherchiert ist. Sondern wegen seiner Signalstruktur. Er hat keine Journalistenschule besucht, keinen Spiegel-Ausweis, kein ARD-Mikrofon. Er hat angefangen in seiner Küche. Er signalisiert permanent: "Ich bin einer von euch, ich habe keine Agenda, ich bin nur neugierig."
Der Spiegel dagegen ist für dieselben Menschen in der fremden Gruppe. Und er ist es nicht nur geworden, weil er mal einen Kommentar über den "Mistgabelmob" publiziert hat. Er ist es geworden, weil er über Jahrzehnte zum Symbol einer bestimmten sozialen Schicht und einer bestimmten politischen Haltung geworden ist. Das ist keine Kritik an den Journalisten. Es ist eine Beschreibung davon, wie Symbole funktionieren: einmal geformt, entziehen sie sich der Kontrolle der Menschen, die sie tragen.
Was McRaney zeigt, und was dieses Gespräch so präzise illustriert, ist, dass das kein Kommunikationsproblem ist. Es ist ein Zugehörigkeitsproblem. Informationen, egal wie sorgfältig recherchiert, werden durch den Filter der Gruppenidentität verarbeitet, bevor sie irgendeine inhaltliche Wirkung entfalten können.
Auf der Basis von Forschung zu Menschen, die extreme Überzeugungen aufgegeben haben, zeichnen sich drei Muster ab, die alle wenig mit Information und viel mit sozialer Erfahrung zu tun haben. Erstens: Beziehung vor Argument. Wenn die Quelle als Mitglied der eigenen sozialen Gruppe erlebt wird, werden Informationen anders verarbeitet. Zweitens: Fragen statt Belehren. Was wirkt, sind Fragen, die die Person dazu bringen, die eigenen Überzeugungen durchzudenken und dabei interne Widersprüche selbst zu entdecken. Drittens: Die tiefgreifendsten Überzeugungsänderungen entstehen fast nie durch direkten ideologischen Widerspruch, sondern durch Erfahrungen, die die Vorannahmen berühren, auf denen die Ideologie ruht.
Für Journalisten, die von Menschen gehört werden wollen, denen sie nicht mehr als eigene Gruppe gelten, bedeutet das alles zusammen etwas Unbequemes: nicht durch bessere Recherche allein, sondern durch das, was am schwersten zu institutionalisieren ist: rauskommen, persönlich werden, zuhören, bevor man erklärt.