Mirko Lange hat heute auf Linkedin eine interessante Frage gestellt: „Bis zum 19. Juli gab es in Deutschland rund 10.000 hitzebedingte Todesfälle. Die öffentliche Reaktion: Fast keine. Kann man das nun mit einem islamistischen Anschlag mit einem Todesopfer vergleichen?"
Es gibt ein Detail im aktuellen RKI-Wochenbericht, das hierfür wichtig ist: Hitze steht fast nie auf dem Totenschein. Die rund 9.800 Menschen, die in diesem Sommer nach Schätzung des Robert Koch-Instituts an den Folgen von Hitze gestorben sind, sind offiziell an Herzversagen gestorben, an Nierenversagen, an der Verschlechterung einer Vorerkrankung. Das Institut muss ihre Zahl aus Übersterblichkeitskurven und Wetterdaten herausrechnen, weshalb sie mit einem Unsicherheitsintervall daherkommt, irgendwo zwischen 8.700 und 10.900. Kein Terroropfer der Geschichte hatte je ein Konfidenzintervall. Und genau hier beginnt auch ein Teil der Antwort auf Mirko Langes Frage, warum ein einzelnes Anschlagsopfer Sondersendungen auslöst und zehntausend Hitzetote ein Achselzucken: Ein Tod, den man nur schätzen kann, ist für das menschliche Gehirn kein Tod, sondern eine Zahl. Und Zahlen lösen keine Schutzreflexe aus.
Mirko hat mit seiner Beobachtung vollständig recht. Die Schlussfolgerung bei solch komplexen Begebenheiten bleibt die Herausforderung!
2003 haben die Psychologen Jonathan Koehler und Andrew Gershoff ihren Versuchspersonen eine Wahl vorgelegt: Airbag A rettet in fast allen Unfällen das Leben, tötet aber in sehr seltenen Fällen den Insassen durch die eigene Auslösung. Airbag B tötet nie selbst, rettet dafür insgesamt seltener, sodass die Gesamtsterblichkeit mit ihm höher liegt. Eine deutliche Mehrheit wählte Airbag B. Die Menschen nahmen also ein größeres Risiko zu sterben in Kauf, nur um nicht von der Instanz getötet zu werden, die sie eigentlich schützen sollte. (Diese Entscheidung ist nicht nur emotional, sondern auch individualbiologisch ;-) nachzuvollziehen)
Koehler und Gershoff nannten das Betrayal Aversion, und wer verstehen will, warum ein Anschlag durch einen Täter, den der Staat ins Land gelassen oder nicht abgeschoben hat, eine Gesellschaft in einen Ausnahmezustand versetzt, während zehntausend Hitzetote als Wetter verbucht werden, findet in diesem Airbag die Erklärung dazu: Wir bewerten nicht das Risiko, wir bewerten die Beziehung, aus der es kommt.
Wir bewerten nicht das Risiko, wir bewerten die Beziehung, aus der es kommt.
Der Anschlag ist, verhaltensökonomisch betrachtet, der perfekte Stimulus. Er hat einen Täter mit Absicht. Er hat einen Ort und einen Zeitpunkt, also eine Szene, die sich erzählen lässt. Er hat ein Opfer mit Namen und Gesicht. Und er hat Bilder. Die Hitzewelle ist der perfekte Anti-Stimulus: kein Täter, kein Tatort, kein Moment, keine Bilder, und die Opfer sterben nicht auf einem Weihnachtsmarkt, sondern verteilt über Wochen in Pflegeheimen und Dachgeschosswohnungen, 7.880 der 9.800 waren älter als 75. Das Gehirn, das über Jahrhunderttausende darauf optimiert wurde, feindselige Akteure in kleinen Gruppen zu erkennen, ebenso wie lebensbedrohliche Ausnahmesituationen im Moment ihres Geschehens, und nicht darauf, statistische Gradienten zu lesen, verarbeitet diese beiden Ereignisse in zwei völlig verschiedenen Systemen. Das eine landet in der Bedrohungserkennung, das andere in der mentalen Buchhaltung.
Kurt Gray und Daniel Wegner haben 2008 gezeigt, wie tief das sitzt: Versuchspersonen empfanden einen identischen Elektroschock als schmerzhafter, wenn sie glaubten, er sei ihnen absichtlich zugefügt worden. Nicht als empörender, als schmerzhafter. Absicht verändert die physische Wahrnehmung des Schadens. Es geht sogar noch weiter: Unser moralisches Denken ist dyadisch gebaut, es braucht einen Agenten, der etwas tut, und einen Patienten, dem etwas geschieht. Fehlt der Agent, findet der Verstand keinen Ansatzpunkt für Empörung, und wo keine Empörung ist, entsteht kein politischer Druck. Der Risikokommunikationsforscher Peter Sandman hat das in eine Formel gegossen, die jeder Kommunikationsverantwortliche auswendig können sollte: Risiko, wie Menschen es erleben, ist nicht Gefahr, sondern Gefahr plus Empörung. Terror ist wenig Gefahr und maximale Empörung. Hitze ist maximale Gefahr und null Empörung. Die politischen Reaktionen, die Mirko irgendwie zu Recht ja auch grotesk nennt, sind exakt proportional. Nur eben proportional zur Empörung, nicht zu den Toten.
Risiko, wie Menschen es erleben, ist nicht Gefahr, sondern Gefahr plus Empörung. Terror ist wenig Gefahr und maximale Empörung. Hitze ist maximale Gefahr und null Empörung.
Nach Peter SandmanDazu kommt, was Paul Slovic den Dread-Faktor nennt. Seine psychometrischen Studien seit den Achtzigern zeigen, dass Menschen Risiken nicht nach Sterbewahrscheinlichkeit sortieren, sondern nach Merkmalen wie Unkontrollierbarkeit, Katastrophenpotenzial und Unfreiwilligkeit. Terror trifft jedes dieser Merkmale. Hitze fühlt sich dagegen vertraut und kontrollierbar an. Schließlich könnte man ja in den Schatten gehen, was für einen gesunden Vierzigjährigen sogar stimmt und für eine herzkranke Sechsundachtzigjährige im dritten Stock nicht. Cass Sunstein hat den zweiten Schritt beschrieben: Sobald ein Risiko starke Emotionen auslöst, hört das Gehirn auf, Wahrscheinlichkeiten zu verarbeiten. Probability Neglect. Deshalb genügt beim Terror, wie Mirko richtig beobachtet, die vage Möglichkeit, eine Maßnahme könne vielleicht ein einziges Leben retten, während beim Klimaschutz plötzlich alle zu Kosten-Nutzen-Rechnern werden. Es sind nicht zweierlei Maßstäbe im Sinne von Heuchelei. Es sind zwei verschiedene kognitive Betriebssysteme, die je nach Stimulus anspringen.
Wie teuer diese Asymmetrie ist, hat Gerd Gigerenzer übrigens nach dem 11. September vorgerechnet: Weil Amerikaner monatelang das Flugzeug mieden und stattdessen Auto fuhren, starben in den zwölf Monaten danach schätzungsweise 1.500 Menschen zusätzlich auf den Straßen, mehr als die Hälfte der Opferzahl der Anschläge selbst, nur ohne Sondersendung. Die Angst vor dem Dread-Risiko hat mehr Menschen getötet als das Dread-Risiko, und niemand hat es bemerkt, weil die Straßentoten dieselbe Eigenschaft hatten wie unsere Hitzetoten: Sie starben einzeln, verstreut und ohne Täter.
Und schließlich die Opferseite. Deborah Small, George Loewenstein und Slovic haben in ihrer berühmten Rokia-Studie gezeigt, dass Spenden für ein einzelnes, namentlich vorgestelltes hungerndes Mädchen einbrechen, sobald man der Geschichte die Hungerstatistik ihrer Region hinzufügt. Nicht ersetzt, hinzufügt. Die Statistik hat die Empathie nicht ergänzt, sie hat sie sozusagen vergiftet. Thomas Schelling hat das Grundmuster schon 1968 benannt als den Unterschied zwischen identifizierten und statistischen Leben, und Slovic hat dem Phänomen später den Namen gegeben: Psychic Numbing. Je größer die Zahl, desto kleiner das Gefühl. 9.800 ist als Zahl zu groß, um ein Gesicht zu haben, und zu klein, um als Katastrophe zu zählen. Sie fällt in das tote Band zwischen Mitleid und Geschichte.
Und jetzt wird es schwierig: Einheitliche Maßstäbe zu fordern heißt, vom Gehirn zu verlangen, dass es aufhört, ein Gehirn zu sein. Diese Forderung ist in den letzten zwanzig Jahren in ungefähr jeder Risikodebatte erhoben worden, und sie hat exakt nichts bewirkt, weil sie den Fehler an der falschen Stelle sucht: nicht im Stimulus, sondern im Empfänger.
Was folgt daraus praktisch? Nicht Aufklärung, sondern Umbau des Stimulus. Wenn die Empörungsmaschine nur auf Agent, Opfer, Bild und Moment reagiert, dann muss man der Hitze diese vier Eigenschaften geben, statt der Bevölkerung Vorträge über Statistik zu halten.
Man kann der Hitze einen Agenten geben. Sevilla hat 2022 als erste Stadt der Welt begonnen, Hitzewellen zu benennen und zu kategorisieren wie Hurrikans, die erste hieß Zoe. Das klingt nach PR und ist angewandte Kognitionspsychologie: Ein benanntes Wetterereignis ist eine Entität, über die man berichten, vor der man warnen, der man Tote zurechnen kann. Die Attributionsforschung geht denselben Weg von der anderen Seite, wenn sie binnen Tagen ausrechnet, um welchen Faktor der Klimawandel eine konkrete Hitzewelle wahrscheinlicher gemacht hat, denn damit bekommt die Statistik erstmals eine Kausalkette mit Adressaten. Und die Klageverfahren nach dem Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts von 2021 übersetzen das in die härteste Agentenform, die ein Rechtsstaat kennt: einen Beklagten. Ein Unterlassen, das vor Gericht steht, ist verhaltensökonomisch kein Unterlassen mehr, sondern eine Tat!
Man kann den Opfern ein Gesicht geben. Nach jedem Anschlag lernen wir die Biografien der Toten kennen, und genau das erzeugt die emotionale Bindung, aus der politischer Wille entsteht. Nach einer Hitzewelle kennt niemand einen einzigen Namen. Der Journalismus, der hier etwas ändern will, braucht keine weiteren Zahlengrafiken, er braucht einen Nachruf. Eine einzige, gut erzählte Geschichte einer Frau, die in der Junihitze in ihrer Wohnung starb, weil niemand nach ihr sah, bewegt nach allem, was wir aus der Rokia-Forschung wissen, mehr als der komplette RKI-Bericht, und zwar unter der Bedingung, dass man ihr die 9.800 nicht direkt daneben stellt.
Aber: Man kann der Zahl auch einen Rhythmus geben. Die Pandemie hat nebenbei bewiesen, dass statistische Tote sehr wohl mobilisieren können, wenn sie täglich gezählt, prominent berichtet und als beeinflussbar gerahmt werden. Das RKI publiziert die Hitzemortalität bereits wöchentlich, nur behandelt sie niemand wie eine Inzidenz.
Niemand empört sich wöchentlich über Brandschutz, und trotzdem sterben in Deutschland heute drastisch weniger Menschen in brennenden Gebäuden als vor fünfzig Jahren, weil man die Empörung nach einzelnen, identifizierbaren Katastrophen in Bauordnungen gegossen hat, die seither ganz ohne Gefühle funktionieren. Das ist die eigentliche Handlungsoption dieses Sommers: das Empörungsfenster eines Rekordjahres nutzen, um Schutz zu automatisieren, verbindliche Hitzeaktionspläne, die sich an DWD-Warnstufen selbst auslösen, Temperaturstandards für Pflegeeinrichtungen, aufsuchende Kontrollen für Alleinlebende ab der ersten Warnung, sodass die Schutzpflicht, die das Bundesverfassungsgericht dem Staat ins Stammbuch geschrieben hat, nicht länger davon abhängt, ob gerade jemand hinschaut.
Denn das ist die unbequeme Nachricht, die in Mirkos richtiger Diagnose steckt: Der einheitliche Maßstab, den er fordert, wird in den Köpfen nie existieren, weil Köpfe nicht so gebaut sind, und er muss dort auch nicht existieren. Er kann nur in Institutionen existieren, in Regeln, Schwellenwerten und automatischen Auslösern, und der einzige Grund, solche Institutionen zu bauen, ist die nüchterne Einsicht, dass wir Wesen sind, die ein einzelnes Messer immer lauter hören werden als zehntausend Thermometer.