An der Bing Nursery School in Stanford bekamen Anfang der Siebzigerjahre ein paar Vorschulkinder etwas, das sich wie ein Geschenk anfühlte und sich als Gift erwies, nämlich eine im Voraus versprochene „Guter Spieler"-Urkunde fürs Malen mit Filzstiften, einer Tätigkeit, die diese Kinder ohnehin liebten und aus eigenem Antrieb stundenlang betrieben. Der Psychologe Mark Lepper wollte wissen, was passiert, wenn man eine Handlung, die aus sich selbst heraus belohnend ist, zusätzlich mit einer äußeren Belohnung versieht, und die Antwort, die seine Versuchsanordnung Wochen später lieferte, gehört bis heute zu den unbequemsten Befunden der Motivationsforschung: Ausgerechnet jene Kinder, denen die Urkunde vorab in Aussicht gestellt worden war, griffen in der freien Spielzeit danach spürbar seltener zu den Filzstiften als die Kinder, die gar keine oder eine überraschende Belohnung bekommen hatten. Man hatte ihnen nicht geholfen, mehr zu malen, sondern hatte ihnen das Malen madig gemacht, indem man es in eine Transaktion verwandelte, in der die Urkunde plötzlich der Sinn der Übung war und das Malen selbst nur noch der Preis, den man dafür zahlte.
An diese Urkunde muss man denken, wenn man an einem Samstagvormittag am Rand eines Kinderfußballturniers steht und beobachtet, wie am Ende das Team, das sieben zu null gewonnen hat, genau dieselbe Medaille um den Hals gehängt bekommt wie das Team, das sieben zu null verloren hat. Die Geste ist gut gemeint, denn sie soll niemanden traurig nach Hause schicken, aber sie folgt exakt der Logik, die Lepper widerlegt hat, nur eine Generation später und mit Blech statt Papier: Wer die Belohnung vom Ergebnis entkoppelt, entkoppelt am Ende auch die Anstrengung vom Ergebnis, und was übrig bleibt, ist eine Handlung, die sich zwar noch wie Wettbewerb anfühlt, es aber nicht mehr ist.
Es gibt derzeit eine wachsende, gut gemeinte Bewegung, Kinder vor negativen Erfahrungen zu bewahren, und niemand wird ernsthaft bestreiten, dass die emotionale Gesundheit von Kindern schützenswert ist. Das Problem beginnt dort, wo Schutz in Überprotektion kippt und Kindern damit genau die Erfahrung entzogen wird, aus der Resilienz überhaupt erst entsteht, nämlich die Erfahrung, etwas verloren zu haben und trotzdem am nächsten Tag wieder aufzutauchen. Sport ist, richtig gestaltet, einer der sichersten Räume, die eine Gesellschaft für diese Erfahrung bereithält, denn man kann dort verlieren, ohne dass wirklich etwas verloren geht.
Warum wirkt eine Niederlage, die man sich erarbeitet hat, eigentlich anders auf ein Kind als eine Medaille, die ohnehin auf es gewartet hätte? Die Antwort liegt tiefer im Nervensystem, als man vermuten würde, und zwar in der Art, wie der Neurowissenschaftler Wolfram Schultz gezeigt hat, dass Dopamin, der Botenstoff, der uns überhaupt erst nach etwas greifen lässt, nicht dann am stärksten feuert, wenn eine Belohnung sicher eintrifft, sondern wenn ihr Ausgang ungewiss ist: Bei einer Erfolgswahrscheinlichkeit von etwa fünfzig Prozent schüttet das Gehirn ungefähr doppelt so viel Dopamin aus wie bei einer Belohnung, die zu hundert Prozent garantiert ist. Ein Turnier, bei dem am Ende ohnehin jeder eine Medaille bekommt, hat aus neurochemischer Sicht mit Wettbewerb ungefähr so viel zu tun wie ein Fahrkartenautomat mit einem Casino, denn beide geben am Ende etwas aus, aber nur eines der beiden Systeme lässt einen dabei wirklich etwas empfinden.
Ein Turnier, bei dem am Ende ohnehin jeder eine Medaille bekommt, hat mit Wettbewerb ungefähr so viel zu tun wie ein Fahrkartenautomat mit einem Casino.
Genau hier verläuft die Grenze, an der die alte Vorstellung von Herausforderung ins Wanken gerät, sobald man sie unreflektiert auf Kinder überträgt. Der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi hat mit seiner Flow-Forschung gezeigt, dass Menschen dann in einen Zustand tiefer Konzentration und Zufriedenheit geraten, wenn die Herausforderung mit dem eigenen Können mitwächst, weder darunter noch darüber liegt. Senkt man den Schwierigkeitsgrad künstlich ab, etwa indem man das Ergebnis eines Turniers vom Erlebnis des Turniers entkoppelt, nimmt man dem Kind nicht die Härte des Wettbewerbs, sondern die Möglichkeit, überhaupt in Flow zu geraten, und ohne Flow bleibt von einem Sonntagnachmittag auf dem Fußballplatz nicht viel mehr als Zeitvertreib.
Die Verhaltensökonomin Ayelet Fishbach hat in ihrer Forschung zur Entwertung von Mitteln gezeigt, dass Menschen ein und denselben Gegenstand geringer schätzen, sobald er nur noch als Mittel zu einem bereits gesicherten Ziel gerahmt wird, verglichen damit, wenn derselbe Gegenstand als das Ziel selbst erscheint. Eine Medaille, die unabhängig vom Spielverlauf ohnehin am Ende wartet, verwandelt das Spiel genau in ein solches entwertetes Mittel, und neunzig Minuten Fußball werden zur Formsache, die man hinter sich bringt, um zu der Sache zu gelangen, die angeblich zählt. Wer Kindern wirklich beibringen will, dass sich Anstrengung lohnt, muss deshalb dafür sorgen, dass zwischen Anstrengung und Ergebnis ein echter, ungewisser Zusammenhang bestehen bleibt, und genau das ist die eigentliche Aufgabe von Trainern und Eltern: nicht Resilienz zu predigen, sondern die Bedingungen zu bauen, unter denen Resilienz von selbst entsteht.
Kein Trainer der Welt kann einem Kind per Ansprache Frustrationstoleranz einreden, aber jeder Trainer kann die Trainingsumgebung so gestalten, dass Frustrationstoleranz darin von selbst entsteht.
Umgebung schlägt Überzeugung, das ist der Kerngedanke der Drive Methode, mit der wir bei Engaginglab arbeiten, und nirgends lässt sich dieser Gedanke einfacher beobachten als auf einem Kindersportplatz, denn kein Trainer der Welt kann einem Kind per Ansprache Frustrationstoleranz einreden, aber jeder Trainer kann die Trainingsumgebung so gestalten, dass Frustrationstoleranz darin von selbst entsteht.
Was in dieser Debatte fast immer übersehen wird, ist, dass der eigentliche Gegner selten der andere ist. Wer ein Kind fragt, warum es besser Fußball spielen will, bekommt selten die Antwort, es wolle den Nachbarsjungen schlagen, meistens will es einfach den Ball besser treffen als letzte Woche. Diese Verschiebung, weg vom Vergleich mit anderen und hin zum Vergleich mit der eigenen letzten Version, ist genau das, was wir bei Engaginglab Intrinsic Performance nennen, und sie lässt sich gezielt fördern, indem man Fortschritt sichtbar macht, ohne ihn in Punkte oder Platzierungen zu pressen. Ein Kind, das merkt, dass sein Elfmeter heute weiter fliegt als vor drei Monaten, erlebt eine Form von Erfolg, die von keiner Niederlage im Spiel selbst berührt werden kann, weil sie auf einer anderen Ebene stattfindet, nämlich dem Unterschied zwischen einem Ergebnis, das man gewinnt oder verliert, und einem Fortschritt, den man einfach hat.
Die Debatte, ob Wettbewerb Kindern schadet, ist nicht schwarz weiß, und wer sie so führt, macht es sich zu einfach, denn Wettbewerb kann beides, formen und beschädigen, je nachdem, wie die Erwachsenen drumherum die Bedingungen bauen. Die Antwort auf die Sorge um verletzte Kinderseelen liegt deshalb nicht darin, das Verlieren aus dem Sport zu entfernen, sondern darin, das Verlieren wieder echt zu machen, denn Kinder müssen scheitern dürfen, ohne deshalb gewinnen zu müssen, und was sie tatsächlich brauchen, ist die Erfahrung, dass eine Niederlage aushaltbar ist und eine Anstrengung sich lohnt, gerade weil ihr Ausgang nicht feststand, bevor sie begonnen hat.
Ein Turnier, bei dem am Ende jede Mannschaft dieselbe Medaille bekommt, nimmt der verlierenden Mannschaft die Erfahrung, dass Verlieren auszuhalten ist, und der gewinnenden Mannschaft das Gefühl, wirklich anerkannt zu werden für das, wofür sie sich abgerackert hat, und was am Ende bleibt, ist eine simple, unbequeme Wahrheit: dass in einem Wettbewerb, in dem niemand verlieren darf, am Ende alle verlieren, nur eben, ohne es zu merken, weil jeder dieselbe Medaille um den Hals trägt.