Standpunkt

Die 50 Jahre alte Falle: Warum die neue Workday & Achievers „Recognition-Engine“ das Gegenteil von Anerkennung bewirkt

5 Min Lesezeit
2024
Von Roman Rackwitz, Behavioral Architect
Ursprünglich erschienen auf LinkedIn. Kanonische Version auf romanrackwitz.de.

Workday und Achievers haben gerade eine Lösung auf den Markt gebracht, die Recognition als messbares Performance-Signal feiert. Was in den Marketing-Decks wie der heilige Gral für HR aussieht, ist bei genauerem Hinsehen ein Lehrbuch-Beispiel für Goodharts Law und eine Gefahr für jede echte Unternehmenskultur.

Am 16. April ging das System live. Es verspricht Echtzeit-Insights darüber, wer beiträgt, welche Skills wirken und wie oft Lob fließt. Das Verkaufsargument ist verführerisch: Wer wöchentlich Anerkennung bekommt, sei 2,6-mal produktiver und 6-mal loyaler. Klingt nach einer Revolution. In Wahrheit ist es eine Falle.

Der Ökonom Charles Goodhart formulierte es vor 50 Jahren, und Marilyn Strathern spitzte es zu: Sobald eine Metrik zum Ziel wird, hört sie auf, eine gute Metrik zu sein.

Genau das passiert hier, nur diesmal verpackt in ein hochglanzpoliertes SaaS-Modul mit AI-Layer. Es gibt vier fundamentale Fehler, die niemand in der Demo anspricht.


Erstens verliert Anerkennung ihren Signalwert in genau dem Moment, in dem sie zum KPI wird. Solange Recognition ein Nebenprodukt echter Beobachtung und Wertschätzung war, hatte sie diagnostischen Wert. Sobald sie als Dashboard-Zahl auftaucht, optimieren Manager nicht mehr ihre Wahrnehmung, sondern ihre Klickraten.

Zweitens ist die gesamte ROI-Story eine Korrelation, die uns als Kausalität verkauft wird. Produktive, engagierte Menschen werden häufiger anerkannt, weil ihr Beitrag sichtbar ist. Die Werbeaussage dreht die Kausalität einfach um. Wer aus "2,6-mal produktiver" die Anweisung ableitet, mehr Recognition-Transaktionen zu loggen, verwechselt das Symptom mit der Ursache.

Drittens definiert das AI-Surfacing implizit, was "Beitrag" überhaupt bedeutet. Wenn ein Algorithmus in Echtzeit zeigt, wer wertvoll ist, dann misst er nur das, was er technisch erfassen kann: Commits, Tickets, Slack-Erwähnungen, Antwortzeiten. Das Mentoring zwischen Tür und Angel, die leise Konfliktmoderation, tiefes Nachdenken oder die stille Qualitätssicherung im Hintergrund werden systematisch unsichtbar. Mitarbeiter lernen blitzschnell, an den messbaren Proxies zu arbeiten. Das ist Campbells Law in seiner reinsten Form.

Viertens entlarvt sich der zentrale Talking Point selbst als Widerspruch. Das Zitat "Wenn Ihr Anerkennungsprogramm keine Daten generiert, ist es kein System, sondern ein Ritual" ist ein fataler Trugschluss. Rituale haben eine entscheidende Eigenschaft, die Daten fehlt: Sie sind schwer zu manipulieren, weil ihre Bedeutung außerhalb der Messlogik liegt.


Workday und Achievers verkaufen uns diese Verwechslung als Feature. Sie behaupten: Recognition wird messbar, also wird sie real. Tatsächlich wird sie weniger real, sobald sie zielfähig wird. Sie hört auf, ein ehrliches Signal zu sein, und wird zur performenden Compliance.

Die richtige Frage für Behavioral Designer und HR-Strategen lautet nicht: Wie machen wir Anerkennung messbar? Die richtige Frage ist: Wie schaffen wir Bedingungen, unter denen Menschen einander freiwillig anerkennen?

Das ist die ungleich schwierigere Frage. Sie lässt sich nicht durch den Kauf eines zusätzlichen Software-Moduls beantworten. Aber sie ist der einzige Weg zu einem System, das Anerkennung nicht zerstört, indem es sie quantifiziert.

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