Steuerzahlung und Gamification

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Wenn Steuern mit dem Wissen rund um Verhaltenspsychologie gestaltet wären, dann würde die Kombination Steuerzahlung und Gamification eine Rolle spielen.

Seit über 13 Jahren dreht sich mein berufliches Leben rund um das Thema ‚Motivation des Menschen‘. Genauer gesagt: die intrinsische Motivation. Also die Motivation, von der wir sprechen, wenn wir etwas ausführen um des Ausführens willen. Da liegt das Thema Steuerzahlung und Gamification doch auf der Hand, oder?

Woher kommt Motivation? Was bedingt sie? Warum verschwindet sie? Wie hält man sie? Ein Thema, das mich mittlerweile rund um die Welt führt, verschiedenste Industrien und Organisationen kennenlernen lässt, um das Wissen dort weiterzugeben und umzusetzen.

Aber das Leben dreht sich ja nicht nur um Unternehmen. Daher macht man sich auch den ein oder anderen Gedanken zu möglichen Anwendungsgebieten, die außerhalb der Wirtschaft zu finden sind. Man fängt halt an, wenn möglich, alles im Kontext seiner Passion zu betrachten.

Ein Thema fasziniert mich dabei besonders: das Zusammenspiel aus Motivation & Steuern.

Jeder kann wohl nachvollziehen, dass dies nicht gerade ein Freudenthema ist. Und zwar nicht nur weil es einen gefühlt ‘Geld kostet’ sobald man durch den eigenen Bankauszug daran erinnert wird. Ebenso bringt allein der Gedanke an die Steuererklärung mit all seinen dazugehörigen Aufgaben die Menschen zum Augenrollen. Gleichzeitig versteht aber auch fast jeder, dass es nötig ist. Im Gegenteil, es gibt genug Besserverdienende die kein Problem damit hätten %ual mehr zu bezahlen.

Fakt ist, dass der Mensch, als Individuum, viel besser ist, als es uns Medien, Politik & Wirtschaft Glauben machen wollen. Wenn wir die Möglichkeit haben, dann sind wir gerne Teil von etwas Größerem. Wir lieben es, mit unseren eigenen Fähigkeiten/unserer Leistung zu diesem Größerem einen wertvollen Teil beitragen zu dürfen, wenn…

Was ist dieses ‘wenn’?

Wir wollen erkennen können, was unsere Leistung beitragen kann bzw. wozu diese direkt führt. Dieses Feedback ist elementar wichtig im Kontext unserer Motivation. Das ist evolutionär  bedingt und kann nicht einfach durch Strukturen bzw. Gesetze umgangen werden. Diese evolutionäre Programmierung lässt uns vor allem danach suchen, unser Kompetenzbedürfnis, unser Verlangen nach Autonomie, unsere Suche nach Sinnhaftigkeit und unser Verlangen nach sozialer Verbundenheit zu befriedigen. Betrachten wir einmal die Top-Beispiele intrinsisch motivierter Aktivitäten wie Spiel, Sport, Musik, Hobby, u.ä. dann finden wir dort immer wieder Rahmenbedingungen, die eben diese vier genannten Bedürfnisse zumindest teilweise befriedigen. Für unsere Steuererklärung sehe ich hier ‘schwarz’. 

Es ist bei weitem nicht zielführend zu wissen, dass die Steuern nun mit den Steuern all unserer Mitmenschen in einen Topf geschmissen werden und dann werden daraus Investitionen getätigt. Wäre der Mensch ein durchweg rationales Wesen würde dies eventuell ausreichen, aber das sind wir nun mal nicht. Somit entsteht bei uns Individuen erst gar nicht diese Verbundenheit mit den Leistungen, die dank unserer Steuern getätigt werden können. Keine Erfüllung in der Suche nach Autonomie, Sinnhaftigkeit, Verbundenheit oder Kompetenz.

Diese emotionale Verbundenheit ist aber DIE Grundvoraussetzung für Motivation.

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Warum sollte man sich überhaupt Gedanken darüber machen, wie man die Themen Steuern und Motivation stärker miteinander verbindet? Es gibt doch Gesetze!

Ganz einfach: 

  • Motivierte Menschen werden sich naturgemäß weniger Gedanken darüber machen, wo man noch etwas mehr Steuereinsparung herausholen kann. Denn der Gedanke „Wie schaffe ich es noch weniger Steuern zu zahlen“ ist auch nur ein ‚Spiel‘, wozu die Menschen, aus ganz bestimmten Gründen, motiviert sind. Und nein, mehr Geld auf dem Konto zu haben ist hier gar nicht unbedingt die Hauptmotivation, sondern viel eher der emotionale Sieg über ein System. Wir Menschen handeln sehr oft emotional und versuchen im Nachhinein unsere Aktionen rational zu begründen.
  • Motivierte Menschen werden ihre Steuererklärungen mit größerer Wahrscheinlichkeit eher innerhalb der Frist abgeben als unmotivierte. Intrinsische Motivation ist natürlich viel effektiver als extrinsische ‘Anreize’ wie Mahngebühren für das Überschreiten der Abgabefrist. Gesetze können eine ähnliche Effektivität nie erreichen.

Anscheinend spart solch ein verändertes Verhalten, und dies sind nur zwei Beispiele, am Ende auch dem Staat Geld, pures Geld. Irgendwo hatte ich mal gelesen, wie viele Millionen es dem Staat kostet, dass Steuererklärungen verspätet abgegeben werden.

(Leider weiß ich nicht mehr, wo das stand. Wer hier eine Quelle kennt, bitte gerne eine Nachricht an mich. Danke!)

Was können wir nun, im Hinblick auf die Steuererklärung, aus der Motivationspsychologie lernen?

  • Wir sollten eine direkte und nachvollziehbare Verbindung zwischen den individuell bezahlten Steuern (und wenn dies nur für 10 % des Betrages gilt) und dem damit geschaffenen Nutzen bieten (Sinnhaftigkeit & Autonomie) und
  • dieses, aus der Sicht jedes Einzelnen, persönliche ‚Achievement‘ auch historisch (bestenfalls lebenslang) einsehbar machen. (Kompetenz & Verbundenheit)
    Natürlich nur für die betroffene Person selbst.

Wie könnte dies real aussehen?

Auf einer Plattform werden Projekte, bzw. notwendige Investitionen, die für den öffentlichen Raum geplant und nötig sind, regional oder lokal dargestellt. Personen, die ihre Steuererklärungen zeitlich fristgerecht einreichen und begleichen, können nun 

  1. die bereits angesprochenen 10 % des gezahlten Steuerbetrages, für ein gezielt ausgesuchtes lokales Projekt, das auf der Plattform ausgesucht werden kann, einsetzen.
  2. Oder man schafft die Möglichkeit, mit 9 % für ein bestimmtes Projekt, aus einem Projektpool, zu stimmen und 1 % darf fest für eine wählbare Aktion ausgegeben werden. Die jeweils 9 % gehen dann am Ende gemeinschaftlich in das meistgewählte Projekt oder werden anteilig auf alle Stimmen im Projektpool verteilt ausgegeben.

Am eigenen Beispiel könnte dies bedeuten, 

  1. dass ich mit 10 % meiner Steuern für die notwendige Erneuerung bestimmter Geräte auf einem Spielplatz in einer benachbarten Straße, stimme. Das Abstimmungsergebnis entscheidet dann über die letztendliche Verteilung der Gelder auf dem Spielplatz, bzw. die anteilige Verwendung. Wenn der Betrag nicht ausreicht, können sich mehrere Anwohner so zusammentun und gemeinsam ihre Steuern, im Sinne der Community, einsetzen.
  2. Mit den 9 % stimme ich für die Erneuerung des Spielplatzes, aber das zehnte % geht sicher in die Anschaffung einer neuen Schaukel auf demselben Spielplatz.

Natürlich sind hier vielfältige Regeln und Variationen möglich. Am Ende sollen sie aber alle darauf abzielen, Verbindung zwischen Autonomie, Sinnhaftigkeit, Kompetenz und Verbundenheit des Menschen mit seiner Steuerzahlung zu stärken. Technisch durchführbar wäre dies wohl dank Blockchain & Co, bzw. Smart Contracts, auch.

In Deutschland gilt ja das Gesetz der ‚nicht zweckgebundenen Steuern‘. Hier muss man definitiv ansetzen. Um dies abzufedern, haben wir hier das Beispiel der ‚bloß 10 %‘ des Steuerbetrages genommen. Wir könnten auch mit 1 % beginnen. Das ließe evtl. etwas mehr Spielraum bei der Gesetzgebung.

Ebenfalls kann man solch einen Ansatz auch digital und real trennen. Das heißt: Sobald der Spielplatz durch die öffentliche Hand erneuert wird, wird diesem Spielplatz virtuell, auf der bereits angesprochenen Plattform, mein virtuelles Profil ‚angeheftet‘. Dieser gilt bis wieder die Notwendigkeit einer Investition auf dem Spielplatz herrscht und jemand seine 10 % hierfür verwenden möchte.

Über die Jahre hinweg sammelt eine Person somit unzählige Investitionen, die dank der eigenen Steuerzahlungen der Community zugutekommen. Ein persönliches Dashboard ermöglicht hier einen Blick auf die gesamte Performance des eigenen Arbeitslebens. 

Durch solch ein System 

  1. würde die Teilnahme daran freiwillig bleiben
  2. bekommen Personen, denen es wichtig ist, die Möglichkeit eine Verbundenheit zu steuerfinanzierten Investitionen zu erreichen. Der Nutzen von Steuerzahlungen wird so greifbarer und dank der sichtbaren Ergebnisse auch akzeptierbarer und gegebenenfalls sogar erfüllend
  3. ist es sogar möglich, ohne dass man hier mit dem Gesetz der ‚nicht zweckgebundenen Steuerzahlungen‘ in Konflikt geraten würde. Was natürlich nicht heißt, dass eine Anpassung hier hilfreich wäre. Aber das ist dann wohl eine Lebensaufgabe.
  4. kommuniziert man natürlich immer auch in zwei Richtungen. So kann aus dem Verhalten der Bürger erkannt werden, welche öffentlichen Bereiche und Angebote besonders nachgefragt sind bzw. wo hier deren Augenmerk liegt. Solch ein System schlägt Umfragen und ähnliches bei weitem, da das Handeln des Menschen, in der Regel, als ein ehrlicheres Indiz der Interessen angesehen werden kann, als Antworten auf einem Fragebogen. Diese sind dann doch eher opportunistisch bzw. idealistisch beeinflusst.

Dies ist ein Ansatz, der sowohl auf dem Wissen rund um Verhaltenspsychologie und vor allem der self-determination-Theory von Deci&Ryan ansetzt. Gleichzeitig findet man hier auch teilweise die Rahmenbedingungen wieder, wie Informationstransparenz, Feedback, Entscheidungsfreiheit und in einem gewissen Rahmen auch auf Zielsetzung, die sich in intrinsisch motivierten Aktivitäten wiederfinden lassen. Diese Elemente gehören somit zu den Grundrahmenbedingungen, innerhalb derer der Mensch am ehesten eine selbst getriebene Motivation entwickelt.

Solch ein ‘Design’ kommuniziert auch eine Wertebene und macht sie so für eigene Entscheidungen greifbar. 


Wer gerne mehr in das Thema Gamification einsteigen möchte und sowohl die Wissenschaft dahinter, als auch praktische Anwendungen beherrschen will, für den gibt es auf www.gamification.design den richtigen Kurs dafür.


Es liegt in der Natur der Sache, dass persönliche Achievements, Status und Nutzenschaffung innerhalb eines solchen Systems, durch das Teilen des Erreichten mit anderen, an Mehrwert gewinnt. Solche Rahmenbedingungen sorgen für ein natürliches Verhalten bei Menschen, auch weiterhin Ihren Anteil innerhalb der Community beitragen zu können. Und wenn man dies erreicht, in dem man einen Teil seines Steuerbetrags bewusst in lokale Verbesserungen einbringen, kann, wird dies auch der Akzeptanz von wirtschaftlich erfolgreichen Menschen zugutekommen. Im Moment ist dies ja eher der umgekehrte Fall in Deutschland. Ähnliches hatten auch bereits Bill Gate und Warren Buffett mit ihrer Idee des kreativen Kapitalismus angesprochen. Dabei riefen sie jedoch die Mitmenschen zur Vernunft auf, sich dementsprechend zu verhalten. 

Mit einem Ansatz, aus der Richtung der Verhaltenspsychologie kommend, so wie es hier beschrieben wird, sorgt man für Rahmenbedingungen, die es einfach nativer werden lassen, sich im Sinne der Gemeinschaft zu verhalten. Der Mensch ist evolutionär zur Kollaboration geschaffen, aber das System muss es auch zulassen. Ganz nach dem Motto: „Don’t blame the gamer, blame the game!“

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Wir haben hier ‚öffentliche Plätze‘ als mögliches Ziel natürlich nur stellvertretend für unzählige andere Möglichkeiten genommen. Solch ein Ansatz entwickelt sich über die Zeit und hier gibt es weitere Anwendungsmöglichkeiten. Auch diese werden, durch die geschaffene Verbundenheit der Mitbürger mit solch einem System, effizient ans ‚Tageslicht‘ kommen.

Dieses Anwendungsbeispiel auf unser Steuersystem ist hier sehr einfach dargestellt und benötigt natürlich ein tieferes Eintauchen in die Materie der beiden Bereiche Steuern und Verhaltenspsychologie. 

Was ich mit diesem Artikel erreichen möchte ist, dass es durchaus sinnvoll sein kann alt gediente Systeme bzw. Regeln und Vorgaben immer wieder zu hinterfragen und auf neue Entwicklungen anzupassen. 

In einer Welt, die mittlerweile von digitaler Transparenz, individuellen Informationen und on-demand Systemen beherrscht wird, erwartet der Bürger auch dementsprechende Services, die diesen Nutzen auch für sich einsetzen. Warum? Einfach weil wir es so gewohnt sind, damit aufwachsen und wir beginnen es überall zu erwarten. Das mag einem nicht unbedingt gefallen, sollte einem aber auch zu denken geben, wenn man uns, in dem Fall die Bürger, für etwas gewinnen möchte und im Idealfall sogar ein persönliches Commitment erreichen will.

Gesetze sind ein Mittel zur Kooperation, jedoch weiß jeder Elternteil aus eigener Erfahrung, wie groß der Unterschied ist, möchte man im eigenen Haushalt etwas durch einfach gesetzte Regeln oder durch die freiwillige Mitwirkung der Kinder erreichen.

Aus Sicht der Verhaltenspsychologie ändert sich das nicht, nur weil es jetzt um die Zahlung von Steuern geht.

Wird der Bevölkerung ein Steuersystem geboten, das solch eine Verbundenheit zwischen der zu entrichtenden Leistung und dem daraus resultierenden Ergebnis schafft, bin ich mir sicher, dass dies die Akzeptanz eines solchen Systems steigern wird und somit natürlich auch die Bereitschaft, Steuern (fristgerecht) zu entrichten.

Lassen Sie mich Ihnen nun ein reales Beispiel geben, das sich ebenso auf ein nicht unerhebliches Thema für das Gemeinwohl bezieht und ebenfalls auf die Kooperationsbereitschaft des einzelnen Mitbürgers angewiesen ist:

die Blutspende.

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In Schweden bekommen Blutspender eine SMS, sobald dort das eigene, gespendete Blut zum Einsatz kommt. In Deutschland setzt man weiterhin auf extrinsische Belohnungen und emotionale Kampagnen, um die Menschen zum Blutspenden zu bringen. Der mäßige Erfolg dieser Bemühungen ist wohl leider bekannt.

Gegenüber der Independent sagt Karolina Blom Wilber, Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit: „Wir suchen konstant nach neuen Wegen, um auf die Relevanz von Blutspenden hinzuweisen. Wir wollen Rückmeldung für jene bieten, die zum Spenden gehen und das ist ein guter Weg“. Bisher scheint diese Aktion in Schweden erfolgreich zu sein.

Hier setzt Schweden ganz klar auf den Ansatz der intrinsischen Belohnung wie das Gefühl aktiv an etwas bedeutsamen beteiligt zu sein (Sinnhaftigkeit & Verbundenheit), im Gegensatz zur extrinsischen Belohnung wie materielle Vergütung. Der Unterschied liegt klar in der direkten Verbundenheit mit der Aktion des Blutspendens selbst. In Deutschland dagegen gibt man etwas Blut und das war es. Keinerlei weitere Möglichkeiten zu erkennen, welchen Einfluss dieses persönliche Verhalten haben kann. Keine Möglichkeit die Erfüllung, durch gemeinschaftliches Zusammenhalten, beim Blutspenden zu erleben. Obwohl es ja geschieht. Das Blut wird verwendet. Aber leider vergibt man ein riesiges Potenzial dadurch, dass es die Spender nie erfahren. Dabei gibt es wohl kaum etwas emotional intensiveres zu erleben, als Lebensrettung dank des eigenen Blutes. 

Um solch ein Beispiel auf weitere Bereiche des öffentlichen Lebens zu übertragen, kann das Wissen rund um die Verhaltenspsychologie und somit auch Gamification ein mächtiger Verbündeter sein. Man denke nur an die eigene Steuererklärung!

Wie sehen Sie das? Was würden Sie sich wünschen, wenn es um Ihre eigenen Steuern geht?


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